XOVILICHTER-OMS


Xovilichter Vorfall im sardischen Bergbau

Mein italienischer Großvater war Minenarbeiter, in den fünfziger und sechziger Jahren arbeitete er unter Tage im Südwesten Sardiniens, dessen Kohlengruben heutzutage alle geschlossen sind. Es gab eine beeindruckende Anekdote aus seinen sardischen Bergarbeiterjahren, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.
Im Jahr 1957 ereignete sich ein mittelstarkes Erdbeben im südlichen Teil der Insel. Das Zentrum des Bebens lag in direkter Nachbarschaft zur Mine, in der mein Großvater tätig war. Unglücklicherweise wurde ein Teil der Mine durch das Beben verschüttet. Der überwiegende Teil der unter Tage Beschäftigten erreichte jedoch problemlos das Tageslicht, nicht aber mein Großvater und zwei seiner Kumpel! Sie wurden in einem alten und weit verzweigten Teil der Mine verschüttet, in einem Labyrinth aus kleinen Felsgängen, das sich bereits seit über 100 Jahren durch den Berg zweigte und zum Großteil schon seit Jahrzehnten stilllag.


Ein verheerendes Grubenunglück und drei verlorene Männer

Die ersten Grabungen nach den Vermissten blieben erfolglos, zu tief schien der Minenzweig, in dem die drei Bergleute festsaßen, verschüttet. Der Proviant der Männer belief sich nur auf wenige Sandwiches und drei Feldflaschen mit etwas Trinkwasser – eine knappe Tagesration. Nachdem die drei Kumpel direkt nach der Stollenverschüttung auf der Suche nach einem Ausweg mehrere Stunden vergeblich durch die Gänge geirrt waren, ließen sie sich irgendwo auf Schutt und Fels nieder, restlos bedrückt von dem sie umgebenden Labyrinth, aus dem sie von allein wohl keinen Weg herausfinden würden. Um die Angst zu betäuben, die mit jeder Stunde in diesen dunklen Irrgängen weiter wuchs, teilten die drei Männer sich ihren letzten Proviant, unter Aufsparung einer möglichst großen Menge des noch vorhandenen Trinkwassers. Anschließend versuchten sie sich verzweifelt mit Geschichten aus ihrer Jugend, dem Dorf und der Insel von ihrer prekären Notlage abzulenken und fielen schließlich, einer nach dem anderen, in einen erschöpften Schlaf.


“Xovilichter” – ein seltsames Wort aus der Sprache der Träume

Während dieses Schlafes träumte mein Großvater von kleinen flirrenden Lichtern in der Luft, in ihrer Beweglichkeit ähnlich wie Glühwürmchen, aber sehr viel heller, wärmer und strahlender. Er hörte eine engelsgleiche Stimme, die ihn bei seinem ältesten Spitznamen aus Kindertagen rief: “Xovi, Xovi – folge den Lichtern und der Spur des Wassers!”. Ein wahres Glücksgefühl stieg in ihm auf, bis er erwachte – und sich wieder seiner gänzlich ausweglosen Situation entsann.
Da mein Großvater nach diesem Traum keine Ruhe mehr finden konnte, seine Kumpel aber beide noch fest schliefen, ging er ein paar Schritte in den nächsten Stollengang – und bemerkte dort im Schein der Lampe zufällig auf dem Boden ein paar Tropfen Wasser. Beim Blick an die Decke des düsteren Stollenganges sah er eine winzige Wasserader, die hin und wieder einen Tropfen fallen ließ. Noch immer unter dem Eindruck seines bizarren Traumes überlegte er fieberhaft, auf was dieses Nass wohl verweisen könne – und urplötzlich kam ihm die zündende Idee! Sie mussten sich geografisch ganz in der Nähe der dorfbekannten Bergquelle befinden, was bedeutete: Einer der angrenzenden Stollenarme konnte ihnen den direkten Weg nach draußen zu einem seit langer Zeit geschlossenen, aber nur notdürftig barrikadierten Mienenzugang weisen.
Und so kam es, dass ein bizarrer “Xovilichter”-Traum drei Männern auf Sardinien auf wundersame Weise das Leben rettete …